Der Sozialismus – Eine Verteidigungsrede

Ich bin Unternehmer und Sozialist. Beides geht zusammen. Es erfordert nur die zärtliche Kunst des dialektischen Denkens. 

Ein Schreckgespenst geht um in Deutschland. Das Wort von der Kollektivierung macht angefeuert durch ein Interview von Kevin Kühnert die Runde. Der panische Ruf, die DDR komme zurück, der Sozialismus sei wieder da, lässt die Murmeltiere in den konservativen Redaktionen hysterisch pfeifen. Sie haben schon die leeren Regale vor Augen und wähnen die Stasi belausche sie gleich. Eine Panik, die offenbar auch Verena Bahlsen, Erbin eines Kekskonzerns erfasste, und ihr einsäuselte, es wäre klug sich zu Wort zu melden, wie gerne sie Kapitalistin sei und wie schön es doch ist, eine Jacht zu fahren. Die Krux an all dieser Diskussion ist, der Sozialismus kommt gar nicht zurück, er war nie fort. Er lebt mitten unter uns. Nur intellektuell ist er verkümmert, ausgemergelt und halb verhungert von zu wenig Gedankenfutter. 

Der Sozialismus ist Freiheit 

Deutschland ist ein sozialistisch geprägtes Land. Mehr im Westen als im Osten. Denn der Sozialismus will nichts anderes sein, als die Befreiung eines jeden Menschen. Die Befreiung von Leid, von Elend, von Ausbeutung, Unmündigkeit und erdrückender Verantwortung. Er ist die Ermächtigung zum selbstbestimmten Leben. Der Sozialismus ist die Freiheit. 

Ideale, die sowohl in der Bundesrepublik als auch in der DDR die frühen Jahre prägten. Der Wunsch danach, Gerechtigkeit für alle herzustellen herrschte hier wie dort. Der eine Staat erreichte sie zum Teil, der andere ging unter, weil er das Ziel der Freiheit so vollumfänglich verfehlte, dass er all seine Daseinsberechtigung verlor. 

Es ist zu einfach für einen Sozialisten heute zu sagen, die DDR wäre kein Sozialismus gewesen. Sie war es leider doch. Ein Sozialismus, der die Idee der Freiheit verriet und meinte mit Autorität mangels Überzeugungskraft seine Entwicklung mit Gewalt erzwingen zu können. Diesen Sozialismus mit seinen Terrorgefängnissen, seinen Folterkellern, seinen Schießbefehlen will niemand zurück. Er hat für immer das Wort des Sozialismus verseucht, genauso wie die Nazis die Rede von den Deutschen für immer mit ekelerregenden, immer wieder aufbrechenden und stinkenden Eiterbeulen überzogen. 

Dennoch, wir leben weiter in Deutschland und nennen uns Deutsche. Wir tragen diesen Namen trotz aller Schmerzen, die er mit sich bringt. Wir entkommen diesem Schicksal nicht. Wir sollten dem Deutsch-Sein nicht entfliehen, sondern unser deutsches Sein menschlicher formen als es war. Genauso ist es mit dem Sozialismus. Wir müssen ihn verstehen in den Wegen und Perversionen, die er nahm, um ihn menschlicher zu formen als er jemals war. 

Der Sozialismus ist zerrissen

Der Sozialismus als Bewegung war nur wenige Jahrzehnte einig. Einig gegen die himmelschreiende Ausbeutung in den Betrieben, gegen Kinderarbeit, gegen beengtes Leben in versifften Baracken. Gegen Zensur und gegen fehlende Mitbestimmung in Staat und Gesellschaft, einig im Streik und einig im Kampf um ein im Mindesten noch lebenswertes Sein. Ein Kampf, den der Sozialismus gewonnen hat. Unsere soziale Marktwirtschaft ist auch eine sozialistische. Sie ist das Ergebnis des Sozialismus, sie ist das Ergebnis marxistischer Analyse und kommunistischer Träumerei. 

Zerrissen wurde die sozialistische Bewegung von Krieg, Revolution und Demokratie. Während des ersten Weltkrieges spaltete sie sich in diejenigen, die aus Angst vor dem Verlust des Krieges die Befestigung der ungewollten Fronten finanzieren wollten und diejenigen, die sich dagegen stellten. Zerrissen wurde sie von der Revolution, als in Russland die einen Sozialisten begannen die anderen Sozialisten abzuschlachten. Zerrissen wurde der Sozialismus in Deutschland in der Demokratie zwischen denen, die versuchten mehr soziale Rechte und Freiheit Gesetz werden zu lassen und denjenigen, die zu keiner Konzession an alte Eliten bereit waren. 

Wie immer, wenn man etwas in tausend Stücke reißt, dann kann man nicht mehr davon sprechen, dass es noch das Eine gäbe. Es gibt ihn nicht den einen Sozialismus. Er ist so facettenreich wie häufig die Weggabelungen waren, die er in seine Geschichte durchlief. An jeder dieser Gabelungen spaltete er sich auf entlang von Hoffnungen und Ängsten, entlang der Bruchlinien von Traum und Wirklichkeit. 

Wenn wir heute auf unsere Gesellschaft schauen, dann schauen wir auf eine so sehr sozialistische, wie sie sich wohl die wenigsten der frühen Sozialisten hätten erträumen können. Eine Gesellschaft mit Mindestsicherung, Alterssicherung, mit einem Recht auf Wohnen und demokratischer Teilhabe. Das, was wir heute die Bundesrepublik nennen, ist aus der Sicht des 19. Jahrhunderts das unvorstellbarste aller sozialistischen Paradiese. Eine Perspektive, die Sigmar Gabriel als Entgegnung auf Kevin Kühnert trefflich erfasst hat, aber dann eben doch zum falschen Schluss kam. Unsere Gesellschaft ist noch nicht der Sozialismus, kann er nicht sein. Denn der Sozialismus wird nicht erreicht, sondern erträumt. 

Der Sozialismus ist ein Traum

Sozialist zu sein, muss zum Denken auffordern und nicht zum pöbelnden Poltern gegen das Kapital. Der Versuch, die bestehenden Verhältnisse nicht zu akzeptieren, sondern das menschlichere Modell unseres Seins zu finden, ist eine leise, denkerische Aufgabe und keine brüllende Einfachheit. Einen einfachen Sozialismus dürfen wir nicht akzeptieren. Denn der simple Sozialismus wollte zwar stets die Freiheit und scheiterte doch real so unerträglich oft daran, Freiheit und nicht Terror real werden zu lassen, weil man sich mit den eigenen simplen Ideen dem Aushalten der Komplexität einer gerechten Revolution nicht gewachsen sah. Stets beendete man die Revolution in einem Blutbad.  

Die Verfassung unseres demokratischen Staates spricht von der sozialen Marktwirtschaft. Ein vom Gedankengut des frühen Sozialismus mitgeprägtes, aber unzureichendes Konzept, das versucht die schlimmsten Fehler der Marktwirtschaft zu korrigieren und für mehr Menschen Wohlstand zu erreichen. Sie ist damit nichts anderes, als der dialektische Versuch die Stärken und Schwächen von Kapitalismus und Marktwirtschaft zusammenzubringen. Allerdings, die ökonomische Freiheit eines jeden Menschen brachte diese Ordnung nie hervor. Sie wurde zum statischen Bekenntnis einer Gesellschaft, in der für die Mehrheit vieles gut ist, aber für eine riesige Minderheit nichts. Die Freiheit in unserer Gesellschaft ist ungleich verteilt. Ein großer Teil der Menschen hier ist wirtschaftlich nicht frei. Genau deshalb braucht es sozialistisches Denken weiterhin. Es braucht den Gedanken, die ökonomische, soziale und politische Freiheit aller weiter voran treiben zu wollen. Das bedeutet es demokratischer Sozialist zu sein: Sich nicht mit der sozialen Marktwirtschaft zu begnügen, sondern eine sozialer werdende Marktwirtschaft real zu erreichen. 

Nichts anderes hat Kevin Kühnert getan, als er über Ideen für ein fernes Morgen sprach. Nichts anderes will der demokratische Sozialismus wie er im Grundsatzprogramm der SPD steht. Es ist die Aufforderung zu träumen, um im Erwachen mit der süßen Erinnerung an eine bessere Welt immer und immer wieder den Kompromiss für ein reales bisschen besseres Land zu erkämpfen. Ein Kampf, der Gegner, aber keine Feinde kennt. 

Der Sozialismus hat keine Feinde

Der Sozialismus hat keine Feinde – eine Aussage, die schwer fällt im Lichte von Millionen ermordeter Menschen in den großen Schauprozessen sozialistischen Terrors. Sozialisten hatten in der Geschichte nicht nur Feinde, sondern sie suchten sich gar welche und brachten sie um. Sie pervertierten den Gedanken von der Freiheit eines jeden denkenden Menschen zur Freiheit von allen denkenden Menschen. Eine Perversion, die vollumfänglich eingefangen wurde von Bini Adamczak in ihrem Essay „Gestern Morgen“. 

Dennoch, der Sozialismus hat keine Feinde. Er wendet sich nicht gegen die Kekskonzernerbin Verena Bahlsen. Er steht für sie ein. Denn ihr geht es wie mir, ihr geht es wie jedem Unternehmer in der Marktwirtschaft, die Verantwortung lastet auf ihr. Die Sorge um den Gewinn, die Schuldgefühle, wenn man Mitarbeiter nicht mehr bezahlen kann, die langen Arbeitsnächte, die Angst, dass man pleite geht oder die nächste große Entwicklung verschläft. Man betäubt all diese Sorgen mit Gewinnen und Jachten und würde doch jede Jacht gerne dafür eintauschen, wenn dafür die Last nicht wäre. 

Eben jene Last will der Sozialismus nehmen. Die Last, die wir alle spüren, weil die Bewegungen des Kapitals, egal ob wir es nun selbst besitzen oder andere, uns zu getriebenen des Geldes macht. Der Sozialismus fragt, wie wir uns alle mehr Freiheit gönnen. Wie wir ein Wirtschaftssystem organisieren, das uns allen dient und nicht uns allesamt erdrückt. Er fragt, wie eine Gemeinschaft so wirtschaften kann, dass der einzelne Manager nicht mehr den Zwang verspürt, Betrugssoftware für Autos zu beauftragen, nur um am Markt zu bestehen und ganz am Ende alleine dafür hinter Gittern landet. 

Verena Bahlsens Jacht ist seit Tagen Spottobjekt. Dabei ist das ungerecht. Natürlich ist es schön, eine ebensolche zu fahren. Es ist wunderschön und darf es auch sein. Nur die Frage, die zu stellen uns die sozialistische Perspektive einlädt, lautet, ob wir nicht alle eine solche Jacht fahren können sollen. Ob es denn sein muss, dass eine ganze Jacht ein ganzes Jahr an der Cote d’Azur im Hafen liegt, nur damit Verena Bahlsen sich zwei Wochen im Jahr auf dieser von all der Verantwortung erholen kann, die sie alleine tragen muss. Ob es nicht für Verena Bahlsen und uns alle besser wäre, wenn wir uns Jachten und Verantwortung teilen würden. 

Nichts anderes meint die Kollektivierung, von der Kevin Kühnert spricht und die Anlass für all diese hysterische Debatte ist. Die Idee niemandem etwas wegzunehmen, sondern durch gemeinsame Verantwortung und gemeinsamen Gewinn allen etwas zu geben. 

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