Antrittsvorlesung: Politik, Gesellschaft, Wissenschaft – ein Tanz der Macht

Sehr geehrter Herr Minister,
sehr geehrte Frau Vizepräsidentin,
sehr geehrter Herr Dekan,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
liebe Studierende,
liebe Medienvertreter:innen,
liebe Gäste,

Guten Morgen!

Antrittsvorlesung also.

Herzlich Willkommen zu dem einen Vortrag, den man nur einmal hält. Den man noch nie zuvor gehalten hat. Den man nie wieder hält. – Von dem man keine Ahnung hat, was erwartet wird oder nach welchen Kriterien bewertet wird … oder wie meine Studierenden sagen: Tja, Erik – is halt nen Referat.

Deshalb natürlich meine erste Frage, Frau Vizepräsidentin? – Ist das hier notenrelevant? – Nein? Ja gut, dann kann ich mich ja zurücklehnen.

Also nochmal neu: Herzlich Willkommen zu meiner heute Morgen kurz per Chat GPT – GEDANKENSTRICH – vorbereiteten Antrittsvorlesung.

– Wie schade das doch wäre, wenns so wär. Wie zu Recht sie enttäuscht wären.

Tja, mit einer mal eben schnell mit Chat-GPT-Mentalität wäre ich heute nicht hier. Mit Leistung, die jemand anderes erbringt oder eine Technologie für Sie leistet, ist selbst nichts getan. Das genau sollten Sie, liebe Studierende, nie aus dem Blick verlieren. Das eben Hingerotzte ist nie gut genug. Und dennoch sollte man nie in die Arroganz verfallen zu meinen, man hätte alles nur in der eigenen Hand.

Erlauben Sie mir den Anfang mit uns in diesem Saal und unseren Leistungsbegriffen zu machen und dann den Blick auf das große Ganze zu weiten.

Wenn wir an Hochschulen – und besonders an Universitäten lehren und lernen, dann dürfen wir nie vergessen, dass wir dabei schon durch pure Existenz – durch schieres Sein mitwirken an gesellschaftlicher Machtverteilung.

Wenn mindestens ein Elternteil von Ihnen bereits studiert hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie selbst in einem Hörsaal sitzen, mehr als drei Mal so hoch. 78 Prozent aller Akademiker-Kinder studierten im vergangenen Jahr. Nur 25 Prozent der Kinder von Nicht-Akademikern. Nicht weil diejenigen, deren Eltern nicht studiert haben, faul sind.

Die Kinder von Akademiker-Eltern haben ja noch gar nichts getan. Sie sind nur Kind von. – Das ist keine eigene Leistung, sondern die Leistung Ihrer Eltern vor ihnen – und vielleicht sogar schon ihre Großeltern oder Urgroßeltern.

Und genau deshalb ist es mir ein besonderes Privileg gerade Sie unterrichten zu dürfen hier an der h_da – einer Hochschule und einem Fachbereich mit einer überraschend hohen Quote junger Menschen, die Erstakademiker*innen ihren Familien sind. Sie haben viel geleistet – sehr viel.

Die wesentlichen, gut beforschten und bis heute nur zum kleinen Teil gelösten Probleme bei der Bildungsgerechtigkeit sind, der Mangel an Bildungsvorbildern im eigenen Umfeld, der Mangel an finanziellen Ressourcen und gleichzeitig auch ein kultureller Code, bei dem Sie sofort merken, dass Sie nicht dazugehören, wenn Sie an eine Uni gehen.

Genau so ging es mir 2005 in meiner ersten Uniwoche. Ich kam an und wusste schon in den ersten Tagen: Hier gehöre ich nicht dazu. Eine völlig neue Erfahrung für mich damals. Hier gehöre ich nicht dazu.

Meine Eltern nämlich – und ich freue mich riesig, dass heute sowohl mein Vater als auch meine Mutter hier sein können – konnten mir den Uni-Code nicht vermitteln. Sie selbst bekamen in ihrem Leben die Chance auf einen Realschulabschluss, Abitur oder gar Studium nicht.

Meine Eltern sind zwei großartige Menschen, kluge Menschen, fleißige Menschen – aber auch zwei Kinder ihrer Generation. Groß geworden in einer Zeit, als klar war, als Mann aus einer Arbeiterfamilie macht man eine Ausbildung und bei meiner Mutter musste gar meine Großmutter noch darum kämpfen, dass sie überhaupt eine Ausbildung machen durfte, denn schlüssiger schien den Männern ihrer Zeit, dass man einfach ungelernt arbeiten geht bis zur Schwangerschaft und dann zuhause bleibt.

Aber sie konnten mir Dinge vermitteln, die entscheidend dafür sind, dass ich Unternehmer wurde, dass ich kreativ wurde, dass ich Lust am Denken, Arbeiten und Machen bekam: Freiheit und nicht zuletzt auch Ambition.

Ambition – die braucht man, um im Leben voranzukommen, aber wo kommt die eigentlich her? – Ich kann es für mich biografisch extrem genau sagen. In der dritten Klasse hatte ich ein Zeugnis, das nicht für’s Gymnasium gereicht hätte. Und nur ganz aus Versehen habe ich, weil ich wider Erwarten noch wach war, den traurigen Satz meiner Mutter zu meinem Vater mitbekommen, „ich wollte doch so gerne auch ein Kind, das aufs Gymnasium geht“ – und genau wegen dieser Nacht habe ich mich dann angestrengt und bin zum Ende der 4. Klasse aufs Gymnasium gegangen – und ohne diese Nacht wären wir alle heute nicht in diesem Hörsaal.

Ambition ist eigene Leistung, weil man Gründe findet, wofür man etwas leistet.

Es folgten die Entscheidung meiner Grundschulrektorin, mir knapp aus Überzeugung doch eine Gymnasialempfehlung zu geben, obwohl das notentechnisch bei mir auf der Kante stand. Es kamen Lehrerinnen und Lehrer dazu, die meine Eltern immer wieder empowerten, dass ich schon auf genau der richtige Schule bin, weil bei meinen grottenschlechten Deutsch- und Englischkünsten in der fünften und sechsten Klasse immer wieder die Frage aufkam, ob ich nicht auf die Realschule wechseln sollte. Bezeichnend in Erinnerung ist mir geblieben, wie meine Mutter vom Elternsprechtag nach Hause kam und sage, „Deine Deutschlehrerin und Englischlehrerin haben gesagt, du bist richtig auf dem Gymi, aber halt stinkfaul“- scheiße erwischt!

 – Und ja, liebe Studierende, vielleicht erklärt sich so langsam, warum ich Ihnen auch heute das immer wieder ins Gesicht sage, wenn mir zu wenig Leistung und zu viel Entschuldigung geliefert wird.

Für mich folgten Unterstützerinnen und Unterstützer meiner Bildungsbiografie durch hauptberufliches Personal in der Jugendarbeit, durch Ehrenamt, durch Kommilitonen, durch Nachbarn und vielleicht – ganz vielleicht auch ein bisschen durch eigene Leistung.

All diese Geschenke fremder Förderung, die meine eigene Leistung anstießen, führten zu stetig steigender Wahrscheinlichkeit, einen Abschluss zu machen. Genau wie die Idee von meinem Geschäftspartner – als er mich als kreatives, strategisches Talent am Ende meines Studiums entdeckte – mir keinen Job, sondern gleich eine Firmengründung anzubieten.

Und auch diese Honorarprofessur heute ist getragen vom Zutrauen an mein Tun von unserem ganzen Fachbereich, von unserer Hochschule und ganz besonders von Lars Rademacher, der sie vorangetrieben hat.

Wir Arbeiterkinder werden leider nichts allein in der akademischen Welt – und genau deshalb werden wir zu selten was. Und deshalb – in aller Demut und allem Frust über all diese Barrieren – ein großes Dankeschön an alle Wegbereiterinnen.

Ich weiß, das Thema der Bildungsbarrieren nervt und kotzt vor allem diejenigen an, die sie nicht erlebt haben, weil es eigene Leistungsnarrative in Frage stellt. Und genau deshalb ist das Thema wichtig. Denn machen Sie sich nichts vor, in anderen Familien muss man nicht nachts heimlich belauschen, dass sich die Eltern sich ein Abitur wünschen. Das ist schon ab dem Tag der Geburt klar. Machen Sie sich nichts vor, Bildungswege sind leichter, wenn ihre Eltern Ihnen den Stoff in der Schule mal eben erklären können. In anderen Familien stellt sich nicht die Frage, ob das Kind eine Gymnasialempfehlung bekommen soll, es wird von der Grundschulrektorin eingefordert und im Zweifel eingeklagt. Machen Sie sich nichts vor, Karriere geht besser, wenn Sie umzingelt sind von Verwandten, die mit ihren Berufsbiografien direktes Vorbild für Sie sind. Eine Unternehmensgründung ist so viel leichter, wenn Ihre Eltern und Ihre Verwandten Ihnen die ersten Türen öffnen und potenzielle Auftraggeber vorstellen können und bereits selbst Erfahrungen mit Selbstständigkeit gemacht haben.

Genau das ist der Unterschied – haben Sie Teil an Macht, Gesellschaft und Wissenschaft, kennen Sie die Regeln des Tanzes oder müssen Sie diese mit allen Fehltritten und Affronts erst hart erlernen?

Und nun erahnen Sie vielleicht, dass der Titel meiner Antrittsvorlesung nicht nur eine Analyse herrschender Beziehungen von Politik, Gesellschaft und Wirtschaft ist, sondern auch eine biografisch motivierte und fundierte Beobachtung dessen, wer von diesem Tanz ausgeschlossen bleibt – und warum das, egal wer Sie sind und egal woher Sie kommen für Sie alle in diesem Saal und unsere Gesellschaft insgesamt zunehmend an Relevanz gewinnt.

Also lassen Sie sich überraschen von „Politik, Gesellschaft, Wissenschaft – Ein Tanz der Macht“.

„Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“ So schrieb es der große Philosoph des letzten Jahrhunderts Michel Foucault und er hat Recht.

Minister Gremmels hat nicht einfach Macht, weil er ein Amt besitzt, sondern weil wir ihm diese Macht zugestehen, weil wir ihm Respekt zeigen, weil wir ihn einladen, weil er sich durchsetzen kann, weil Menschen seinem Willen folgen. Seine Macht besitzt er nicht – sie vollzieht sich immer wieder neu und wenn sie sich eines Tages nicht mehr vollzieht, dann ist sie nicht verloren, sondern hat schlicht einen neuen Vollzug gewählt.

So komplex dieser Gedanke ist, so entscheidend ist es doch, ihn zu verstehen, um erklären zu können, wie etwas in größeren Systemen zu Stande kommt. Macht vollzieht sich und ohne Macht können Sie nichts gestalten. Und dieser Vollzug passiert, indem bewusst oder unterbewusst Signale gedeutet werden. Wer tanzt mit wem, wer hat welches Kleid an, wer welchen Schmuck, wer wird umringt und wer bleibt allein am Rande stehen?

„Ein Tanz der Macht“ ist eine sehr bewusst gewählte Zeile meines Vorlesungstitels. Denn am Anfang des 19. Jahrhundert – in den Jahren 1814 und 1815 auf dem Wiener Kongress wurde die gesamte Ordnung Europas noch auf einem Tanzball-Event beschlossen. Mit wem tanzt der russische Zar, wer bietet welche Tochter wem zum Tanze an, wo steht der Habsburger Kaiser? Wer wird verschmäht, wer wird umringt, wer wird geküsst und wer verlassen? Ein Tanz, der das Schicksal ganzer Völker entschied.

Es war keine Dekadenz so zu verhandeln, sondern Konvention. Auf dem Ball an jedem Abend sah man, wie sich Macht vollzieht und dies regulierte, wie konkret am Tage die Ergebnisse verhandelt wurden.

Typisch Professor mögen Sie jetzt denken. Immer irgendwelche ollen historischen Kamellen. – Zur Ehrenrettung sei mir zu Gute gehalten, ich habe erst 1814 begonnen. Das ist geradezu irre aktuell – denn normalerweise beginnt doch jedes universitäre Werk über die Politik im alten Griechenland.

Aber Gegenfrage: Glauben Sie, Ihr Bachelorzeugnis wäre Macht? Glauben Sie allen Ernstes, Sie erhalten am Ende Ihres Studiums einfach Einfluss überreicht? Sie könnten Macht erwerben mit guten Noten? Sie könnten sie dann behalten ohne diese Macht zu vollziehen?

Nein, liebe Studierende, liebe Kolleginnen und Kollegen, wir sind nichts, was wir nicht vollziehen. Nicht in der Politik, nicht in der Gesellschaft, nicht in der Wissenschaft. Wem man zuhört – auch in der Wissenschaft – liegt wahrlich nicht nur an der Brillanz des Argumentes, sondern auch an der Frage, wie man tanzt. Wer oft zitiert wird, besitzt Relevanz. Das können Sie nicht erwerben, es vollzieht sich. Wer wortmächtig sprechen oder schreiben kann, wird stärker rezipiert, öfter eingeladen, stärker in andere Werke eingeflochten.

In der Politik und der gesamten Gesellschaft ist es ganz genauso. Wo und mit wem Sie gesehen werden, hat Einfluss darauf, ob Sie ökonomisch erfolgreich werden oder nicht. An einem Ladengeschäft können Sie das allesamt einfach erklären. Die Ware eines Juwelier in einem runtergeranzten Haus erscheint uns weniger wertvoll als in einer gut gepflegten Immobilie. Der Halo-Effekt beschreibt, dass Eigenschaften auf Umliegendes übertragen wird. Wenn ein schöner Mensch eine Packung Waschpulver hält, dann glauben die Menschen, dieser Typ wäre nicht nur schön, sondern auch klug und die Wäsche würde durch das Waschpulver schön.

Was ist das anderes als ein Tanz? Wer tanzt mit wem und wer wird mit wem gesehen? Wer wird zitiert und wer ignoriert?

Und vielleicht realisieren Sie nun, warum die zu Anfang zitierten Bildungsbarrieren mehr sind als ein paar Kleinigkeiten am Rande. Es geht dabei um die Frage, ob Sie überhaupt eine Eintrittskarte zum Ballsaal erhalten. Es geht dann im Ballsaal darum, ob Sie überhaupt einen einzigen Tanz schon beherrschen, ob sich mit Ihnen jemand unterhält, mit wem Sie gesehen werden, wer ihnen vorgestellt wird, oder obwohl sie es mit so hartem Bemühen in den Saal schafften trotzdem an den Rand gedrängt bleiben.

Sie können Macht nicht allein gewinnen, sie müssen Teil des Machtvollzuges werden. Und das gelingt Ihnen als Sohn oder Tochter von viel leichter als wenn Sie das nicht mitbringen können. Man tanzt besser, wenn man die Musik schon kennt, die Schrittfolgen, den Dresscode kennt und alle Tischmanieren beherrscht.

Sie mögen das belächeln – ich kann natürlich mit Messer und Gabel essen und erlerne bis heute noch immer neue Regeln des Dinner-Protokolls, von denen ich zuvor noch nie erfahren hatte.

Oder wie es mir mit einem sehr guten Freund aus gutem Hause passierte: Wir waren zusammen in einem Restaurant – ein Tropfen Öl fiel auf den Tisch und ich wischte ihn mit meiner Serviette ab und er sagte völlig entsteht, „das kannst Du doch nicht machen!“ Und ich verwundert: „Was?“ – „Du kannst doch nicht den Tisch mit der Serviette abwischen, das macht man nicht.“ – „Wo steht das denn?“ – „Das weiß man. Meine Mutter hat mir bei so was als Kind schon gesagt, was wäre wenn wir jetzt beim Botschafter wären“ und ich lachte herzlich und sagte zu ihm „Sorry, aber das Problem, dass wir beim Botschafter wären, kam in meiner Kindheit nicht vor.“

Wenn Sie wissen wollen, wer ich bin. Ich bin einer, der sich durch die Küche von hinten in den Ballsaal geschlichen hat, oder von vorne die Tür eingetreten. Einer, der jeden Tanzschritt erst noch lernen musste, einer der sich seinen Dialekt abtrainiert hat und jedes ähm oder äh dazu, einer der Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre gearbeitet hat, um all das zu erlernen, was andere schon von Kindesbeinen an wussten. Und genau so lernen Sie mich in jeder Unterrichtsstunde kennen. Ambitionsvoll, konfrontativ, machtbewusst, empowernd und Sie alle pushend, damit Sie die Hindernisse überwinden, die Ihnen in den Weg geworfen sind.
Ich akzeptiere alles außer Ausreden und Rumopferei.

Und vielleicht klingt es nun für Sie anders, dass es heißt:

Der neue Honorarprofessor für politische Kommunikation hält Antrittsvorlesung. Der Minister kommt. Die stellvertretende Präsidentin spricht. Der Dekan lobt. Der Unterricht wird für den Fachbereich unterbrochen.

Wir tanzen miteinander – lieber Timon Gremmels vielen Dank für das Geschenk Deiner Anwesenheit. Liebe Frau Vizeräsidentin, lieber Herr Dekan, liebe Studierende –

Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.“ Auch in diesem Hörsaal.

Damit könnte ich es bewenden lassen. Eine nette Rede, ein bisschen Fachlichkeit, ein bisschen Persönlichkeit, ein bisschen Gerechtigkeit, ein bisschen Pathos. Prima, so macht man das.

Aber so bin ich nicht. Ich will immer noch einen Schritt mehr gehen.

Seit 1814 tanzen wir den Tanz der Macht in immer neuer Form. Erst Fürsten, dann Demokraten, wieder Fürsten und Demokraten, dann Diktatoren und schließlich wieder Demokraten.

Hier im Land und auf der Welt – überall der gleiche Tanz. Ein Vollzug der Macht und jetzt?

Ist die Musik aus. Das Licht ist aus. Der Ballsaal ist voll, aber die Macht ist weitergezogen.

Sie Herr Minister,
Sie Frau Vizepräsidentin,
Sie Herr Dekan,
Sie liebe Kolleginnen und Kollegen,
Sie liebe Studierende,
Sie liebe Gäste,
Sie liebe Medienvertreter:innen,
und ich – die Macht vollzieht sich in rapidem Tempo ohne uns.

Die Macht hat ihre Form geändert – eine neue Form, die über jede Herrschaft hinausgeht, die wir bisher kannten. Vergegenwärtigen Sie sich nochmals das bereits zwei Mal vorgetragene Zitat:

Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht.

In dieses Spiel von unzähligen Punkten aus, in alle beweglichen Beziehungen klinkt die künstliche Intelligenz sich nun ein. Nicht an einem Punkt, sondern an allen zugleich – und dabei ist egal, ob Sie persönlich KI verweigern oder nicht. Wenn Sie als Journalist:in noch selbst schreiben, dann lesen Sie doch, was Kolleg:innen mit einer KI haben schreiben lassen.

Sie, liebe Studierenden, mögen noch selbst in der Bibliothek büffeln, aber spätestens in der Referatsgruppe begegnen Sie KI-generierter Leistung ihrer Kommilitonen. Was Sie im Netz suchen, wird von KI erklärt. Jeder Arbeitgeber möchte, dass sie diese Anwendungen zur Effizienzsteigerung nutzen. Wir im Media-Bereich wissen, wieviel Online-Content heute schon KI-generiert ist. Bibliotheken stellen ihre Suchen auf KI-Technologie um. Bücher werden von KI zusammengefasst. Daten von KI ausgewertet. Empfehlungen gemacht, Analysen erstellt, Aktien erworben und verkauft.

All das ist nicht schlimm – schon immer gab es technologischen Fortschritt – schon immer gab es neue Möglichkeiten. Nichts daran ist ungewöhnlich. Genau wie sich Musikgeschmack, Tänze und Mode ändern, so verändern sich Medien, Kommunikationsformen und Vergemeinschaftungsformen. Wo früher einer mit dem Pferd einen Brief überbrachte, da kam erst der Telegraf, dann das Telefon, die Mail und schließlich das Teams-Chatfenster. Mal sind es Vereine in denen die Macht vollzogen wird, mal Demos oder Aktivismus, mal Parlamentarismus, mal Diktatur. Ich habe dabei klare, demokratische Präferenzen, aber stets blieben es Vollzüge der Macht.

Das Neue ist nicht das Neue. Das neue Fremde ist die extreme Akkumulation von Macht durch vollzugslosen Besitz von Macht.

Akkumulation bedeutet, dass sich etwas zusammenballt. Karl Marx beschrieb unter diesem Begriff als Philosoph und früher Ökonom das Phänomen, dass Sie, wenn Sie bereits etwas besitzen, sie diesen Besitz stets schneller erweitern können als eine Person, die weniger besitzt. Das ist auch sachlogisch. Wenn Sie 100.000 Euro auf dem Konto haben, können Sie durch schlichte Geldanlage schon einen Betrag von 2.000 bis 10.000 Euro jährlich relativ sicher hinzugewinnen, für die eine Person, die keine 100.000 Euro besitzt, einen oder mehrere Monate arbeiten gehen muss.

Aller Einfluss, aller Reichtum akkumuliert sich – genau wie Bildungsbiografien. Wenn die Großeltern studiert haben, dann taten es die Eltern mit höherer Wahrscheinlichkeit und damit die Kinder mit erhöhter Wahrscheinlichkeit und noch dazu wurde in diesen drei Generationen mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit durch gut bezahlte Arbeit durch hohe Bildung dann Vermögen aufgebaut, das sich über Generationen vermehrt und damit einen Wohlstand erschafft, den man ohne ein solches Erbe kaum erreichen kann.

Ist ein solches Vermögen groß genug, dann können Sie Zeitungen, Fernsehsender und andere Medien kaufen und diese Nutzen, um ihren Positionen Reichweite zu verschaffen. Silvio Berlusconi oder Viktor Orban waren exemplarische Beispiele für genau eine solche Strategie.

Beide sind deshalb auch gut gewählte Beispiele, weil beide zu Fall kamen. Silvio Berlusconi als Ministerpräsident von Italien genauso wie kürzlich Viktor Orban in Ungarn. Beide konnten akkumuliertes Kapital und mediale Macht lange nutzen, um politische Macht zu halten, aber sie waren und blieben eingebettet in einen Vollzug der Macht. Sie konnten von der Macht verlassen werden, indem sie sich in neuen Bewegungen neu vollzog und sich ihnen damit entzog.

Genau das ändert sich gerade.

KI in wenigsten – oder gar nur einer Hand ist erstmalig Besitz von Macht. Und genau deshalb haben wir es nicht mit einer neuen medialen Revolution bestehend aus knuffigen GPT-Chatfenstern zu tun, sondern mit einer politischen Revolution.

Ich will es klar und deutlich machen: Wenn demokratische Politiker wie Herr Minister Gremmels ihre Verwaltungen bitten, alle Expertise zu einem Thema zusammenzutragen, dann machen die das nach bestem Wissen und Gewissen. Aber durch den fortschreitenden Einsatz von KI an allen Stellen wird es sicher so sein, dass an der Expertise, die dem Minister vorgetragen wird, KI einen wachsenden Anteil an der Erstellung haben wird.
Die forschenden Wissenschaftler nutzen sie.
Die begleitenden Texte werden KI-generiert sein.
Die Mitarbeitenden im Ministerium werden die Vielzahl der Studien mit Hilfe von KI zusammenfassen.
Die wesentlichen Empfehlungen und Ableitungen werden KI-generiert werden.

Am Ende liegt auf dem Schreibtisch des Ministers das Ergebnis eines Zusammenspiels, das sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzogen hat, aber an jedem einzelnen dieser Punkte – an jedem einzelnen – wird ein und dieselbe KI gesessen haben und dem Ergebnis ihren Stempel aufgedrückt haben.
Und danach analysiert die Presse mit der selben KI das mit dieser KI erzeugte Gesetz auf Schwachpunkte und die Opposition im Parlament tut es ebenso. An allen Stellen die selbe KI – in der Forschung, in der Verwaltung, in der Regierung in der Opposition und in der kritischen Presse.
Der immer gleiche Stempel – von allen Punkten aus.

Denn mitnichten ist neutral, was eine künstliche Intelligenz definiert. Entscheidend ist, welche Denkroutine ihr antrainiert wird. Es macht einen großen Unterschied, ob eine Technologie der Maxime der Effizienz oder Teilhabe folgt. Ob sie versucht, das kostenärmste oder das inklusivste Ergebnis zu erzeugen. Ob sie Wert in Profit oder in Glück misst. Ob sie Menschen als humane Ressource oder als humanistische Entität begreift.

Die KI ist Produkt des Hier und Jetzt und im Hier und Jetzt ist die gesamte Sprache, das gesamte Denken, sind sogar die Selbstbilder der Menschen durchdrungen von Ökonomisierung. Das Kollektiv der mächtigen in der Menschheit denkt in Kategorien von Effizienz, Karriere und Profit und genau diese Gedankenwelt transzendiert nun in der KI zum neuen, digitalisierten Über-Ich, das den gesamten Diskurs fortlaufend dominiert.

An den für sie als Studierende in ihrem Alltag so ungewohnten Begriffen wie „humanistisch“, „transzendieren“, „Über-Ich“ bemerken Sie vielleicht durch nicht-Verstehen, dass es ganze Diskurswelten gibt, die in unserer ökonomischen Denkwelt verkümmert sind. Es ist nicht lange her, dass der Glaube an das Göttliche alles Denken prägte, es ist nicht lange her in den 1970ern und 1980ern, dass der Mensch und sein Glück für kurze Zeit wichtiger waren als materieller Besitz. Es ist nicht lange her als das Selbstverstehen noch im Mittelpunkt stand. Heute ist all das zur Ware verkommen. Der Glaube ist Geschäftsmodell, das Glück kauft man auf Temu und selbst die eigene Psyche ist zur TikTok-Währung der Reichweite geworden.

Und nun erlauben Sie mir die entscheidende Frage unserer Zeit: Wenn in Politik, Gesellschaft, Wissenschaft, Medien, Freizeit, Arbeit – überall – ein und dieselbe KI mit ein und derselben in ihr herrschenden Ideologie von allen unzähligen Punkten aus alles vollzieht – tanzen wir dann noch in Freiheit oder ist der Tanz der Macht machtlos geworden?

Die Musik ist aus.

Der Saal ist voll.

Doch nichts passiert.

Das Neue ist nicht das Neue. Das neue Fremde ist die extreme Akkumulation von Macht durch vollzugslosen Besitz von Macht.

Und deshalb, lieber Herr Minister, deshalb liebe Frau Vizepräsidentin, deshalb liebe Kolleginnen und Kollegen, deshalb liebe Studierende, deshalb liebe Medienvertreter:innen, deshalb liebe Gäste ist der politische, der gesellschaftliche, der wissenschaftliche Auftrag unserer Zeit, nicht den medialen Wandel zu feiern oder zu beklagen, sondern konkurrierende künstliche Intelligenzen zu schaffen. Dezentral, in Stiftungen, Genossenschaften, in öffentlicher und privater Hand. So, dass sie sich niemals zu der einen alles dominierenden Denkroutine ballen können.

Alles darf passieren, aber niemals ein Monopol des Denkens.

Dann geht die Musik an.
Dann geht das Licht an.

Dann tanzt wieder der Saal.

Und mit Unterstützung und Hilfe schleicht sich wieder ein Arbeiterkind hinein.

Herzlichen Dank

und herzliches Willkommen zu meinem Sektempfang.

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