Deutsche Einheit: „Da wohnen die Nazis“

Auszug aus dem Buch „Deutschland, Du bist mir fremd geworden“

Da wohnen die Nazis

Machen wir uns nichts vor, unser Land ist formal geeint, emotional aber noch lange nicht. Die wechselseitige Fremdheit ist groß. Das Unverständnis über den jeweils anderen ist ständig zu spüren.

Als ich beim Mittagessen zu westdeutschen Freundinnen und Freunden sage, ich möchte mich mehr mit Ostdeutschland beschäftigen, antwortet einer spontan: »Das ist sicherlich hilfreich. Ich weiß original gar nichts über Ostdeutschland.« Dann fügt er in leicht ironischem Ton hinzu: »Obwohl, doch, da wohnen die Nazis.« Zack, und schon steht die Mauer wie- der im Kopf. Ost und West kennen sich nicht, aber man hat harte Vorurteile übereinander. Auch wenn es spielerisch im Scherz vorgetragen ist, man bleibt sich fremd.

Ich erinnere mich, dass mir vor einiger Zeit der ostdeutsche Politikkenner Stefan Münzner seine sehr tiefgründigen Überlegungen zum ostdeutschen Politikverständnis im Kontrast zum westdeutschen zugeschickt hatte. Ein klei- nes, nur drei Seiten langes Papier, das dennoch auf den Punkt bringt, was das Problem der Ostdeutschen in unse- rer Republik ist: Man fühlt sich als Verlierer der Einheit. Meist nicht finanziell, aber sehr stark kulturell. Der Wes- ten hat gewonnen, der Osten verloren.

Ihre Helden aus Sport, Kultur und Fernsehen verschwan- den und wurden durch keine neuen ersetzt. Teilweise wurden sie gar geächtet. Ihre einstigen Urlaubsziele werden nicht mehr bereist. Ihre Lebensleistung zur »maroden DDR« erklärt. Man wurde zu einer Minderheit im eigenen Land, auch wenn keine Ausländer in den Osten zogen. Hatten die Ostdeutschen in der DDR in allen Medien und in der Politik im Mittelpunkt gestanden, wurden sie nach der Wende zur Randnotiz.

Allein wenn man an die Debatten des Jahres 2018 denkt, versteht man schnell, wie wenig der Osten zählt. Wenn ganz Deutschland über einen bayerischen Kreuzerlass streitet, dann ist der Osten nicht dabei. Dort ist man nicht religiös. Der Sozialismus hat die Religion an den Rand gedrängt. Im Westen ist sie omnipräsent.

Die Ostdeutschen wurden bestohlen. Sie wurden ihrer Heimat beraubt. Ihre Leistungen und Erinnerungen als Teil der Propagandamaschine eines Unrechtssystems verdammt. Das Gefühl, beraubt worden zu sein, reicht noch viel tiefer. Direkt nach der Wende wurden die im Kapitalismus ungeübten Ostdeutschen von westdeutschen Raubtierkapitalisten überfallen. Sie waren gutgläubig, und ihnen wurde Schrott verkauft. Niemand passte auf. Wo eben noch ein sozial sorgender und gleichzeitig unfrei machender Staat war, ging in der Bundesrepublik jeder staatliche Schutz ver- loren. Die Bevölkerung war dem Wandel schutzlos ausge- liefert, ohne dass der Westen Mitleid empfand oder half.

Die Ostdeutschen suchen eine starke politische Linke, weil sie sich einen starken Staat wünschen. Stattdessen fin- den sie nur eine schwache Linke vor, die lieber Probleme erklärt, als sie zu lösen. Sie wünschen sich eine Gemeinschaft, in der das persönliche Gespräch wichtig ist, und begegnen gefühlt ständig Sprechverboten. Sie wollen ihren gerechten Platz in der deutschen Demokratie und finden in den Medien dennoch nicht statt. Man hört nur von ihnen, wenn sie wütend sind. Ist es da nicht völlig normal, öfter wütend zu werden?

Müssen sich die Ostdeutschen nun in ihr eigenes Land integrieren? Müssen sie werden wie der Westen ist? Müssen sie westdeutsch werden, damit Ostdeutschland eine Stimme bekommt?

Ehrlich gesagt sind nicht die Ostdeutschen dran. Die haben sich lange genug auf den Westen zubewegt. Sie haben die alten Bundesländer bereist, haben ertragen, wie ihr ganzes Land verwestlicht wurde. Wir im Westen hingegen – wir haben noch immer kein Interesse am Osten unseres Landes entwickelt. Wir reisen nicht nach Brandenburg, nicht in die Sächsische Schweiz. Wir kennen nicht die Menschen hinter der noch immer in unseren Köpfen stehenden Mauer.

Deutschland versöhnt man nicht durch Ignoranz. Wenn wir in unserer Nachkriegsgeschichte eines gelernt haben, dann, dass nur persönlicher Kontakt zwischen Bevölkerungen Frieden bringt. Darum schicken wir unsere Studie- renden durch ganz Europa. Darum machen wir deutsch- französischen Jugendaustausch. Wenn ich es mir recht überlege: Ich wäre als junger Mensch gerne für vier Wo- chen nach Sachsen-Anhalt gegangen. Ich hätte gerne die Geschichten jenes Landes gehört, das es nicht mehr gibt, aber dessen Erben mitten unter uns leben.

Ich nehme mir vor, bald mehr in den Osten zu reisen. Ich kann ihn selbst nicht erklären. Ich zitiere nur einen Freund, der von dort stammt. Ich sollte lernen, den Osten selbst zu beschreiben.


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